Türkei nach Erdbeben: Wiederaufbau in Antakya | Weather.com
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Drei Jahre nach dem Erdbeben in der Türkei: Geschichte eines Wiederaufbaus

Im südtürkischen Antakya will eine junge Architektin eine zerstörte Kirche aus den Trümmern wiederauferstehen lassen. Das Gotteshaus steht für die multikulturelle Vergangenheit der Stadt – die einige in Gefahr sehen.

Antakya im Süden der Türkei, 4. Februar 2026: Arbeiter räumen Trümmer weg und bergen Steine aus den Ruinen der griechisch-orthodoxen St. Paulus-Kirche, die beim Erdbeben von 2023 beschädigt wurde. (AP Photo/Murat Kocabas)
Antakya im Süden der Türkei, 4. Februar 2026: Arbeiter räumen Trümmer weg und bergen Steine aus den Ruinen der griechisch-orthodoxen St. Paulus-Kirche, die beim Erdbeben von 2023 beschädigt wurde.
(AP Photo/Murat Kocabas)

Buse Ceren Gül hat eine Mission: Die türkische Architektin will eine 166 Jahre alte griechisch-orthodoxe Kirche wieder aufbauen, die ein Symbol für die multikulturelle Vergangenheit ihrer Heimatstadt ist. Seit der Erdbebenkatastrophe im Süden der Türkei vor drei Jahren liegt das Gotteshaus in Trümmern. Der Erdstoß der Stärke 7,8 und ein Nachbeben hatten am 6. Februar 2023 weite Teile der historischen Innenstadt von Antakya zerstört.

Nach mehrjähriger Planung und Spendensammlung barg Güls Team jetzt die Kirche St. Paul aus bis zu fünf Meter hohen Trümmerbergen. "Die Altstadt ist zentral für die frühesten Erinnerungen aller, die hier aufgewachsen sind", sagt die 34-jährige Architektin bei einem Rundgang vor Ort. Beim ersten Anblick der Kirche nach den Erdbeben habe sie sich gefragt: "Sind wir verschwunden?"

Zehntausende Tote

Bei der Katastrophe wurden Hunderttausende Häuser in der Türkei zerstört oder beschädigt. Mehr als 52.000 Menschen kamen ums Leben, 6000 weitere im benachbarten Syrien. In der Provinz Hatay lebten zuvor schätzungsweise 10.000 Christen – ein kleiner Teil der Gesamtbevölkerung. Doch die Gegend ist eines der Gebiete mit dem größten christlichen Anteil in der Türkei außerhalb von Istanbul.

Antakya gehörte zu den am schwersten betroffenen Städten. Die Saray-Straße, eine der ältesten der Stadt, wurde schwer beschädigt. Hier leben Christen, Muslime und Juden. Auch die Paulskirche, die einer arabisch-sprachigen Gemeinde gehört, liegt an der Straße.

Das Viertel sei wie andere in Antakya kaum wiederzuerkennen gewesen, sagt Gül, die der alevitischen Gemeinde angehört. "Aber wenn es gelingt, die Altstadt wiederherzustellen, beweist das, dass die Wurzeln Antakyas bewahrt werden können."

Reiche Geschichte

Gül arbeitete schon vor den Erdbeben an der Renovierung der Paulskirche. Von insgesamt 293 beschädigten Kulturstätten in der Provinz ist die Kirche eine der wenigen, von denen schon genehmigte Bauzeichnungen vorlagen – dank Gül. "Als ich an diesen Plänen gearbeitet habe, hat mir einer meiner Mentoren gesagt, dass ich sie so zeichnen soll, dass die Kirche wiederaufgebaut werden könnte, falls sie zerstört wird", erklärt sie. "Ich hätte nie gedacht, dass dieser großartige Bau tatsächlich ausgelöscht werden könnte, aber ich habe einen detaillierten Plan gezeichnet."

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Die Geschichte der biblischen Stadt Antakya reicht bis ins sechste Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung zurück. In der Antike und im Mittelalter war sie als Antiochia bekannt. Die ethnisch, religiös und sprachlich diverse Stadt überstand mindestens fünf Erdbeben mit einer Stärke von mindestens 7,0, die Hunderttausende Menschen das Leben kosteten und schwere Zerstörungen anrichteten. Die Kirche St. Paul, Teil des Griechisch-Orthodoxen Patriarchats von Antiochia, am Ostufer des Flusses Orontes wurde im Jahr 1900 vollständig wiederaufgebaut, nachdem sie bei einem Beben 1872 zerstört worden war.

Arbeiten auf Eis

Nach den Erdstößen vor drei Jahren rettete Gül die Wiederaufbau-Pläne aus den Ruinen ihres Büros. Sie sicherte sich die Unterstützung des World Monument Funds, einer gemeinnützigen Organisation, die sich der Erhaltung historischer Architektur und kultureller Erbstätten weltweit widmet. Mit der technischen und finanziellen Hilfe des Fonds räumte Güls Team Tonnen von Trümmern und sicherte die noch intakten Steine.

Die Planung und technischen Begutachtungen für die Wiederaufbauphase dauern an. Die Arbeiten vor Ort sind jedoch ausgesetzt, bis weitere finanzielle Mittel zur Verfügung stehen.

"Früher waren wir eine finanziell unabhängige Stiftung, die Familien in Not helfen konnte", sagt Fadi Hürigil, Präsident der Griechisch-Orthodoxen Kirchenstiftung von Antakya, die das Wiederaufbau-Projekt begleitet. "Nach den Erdbeben haben wir bis zu 95 Prozent unserer Einnahmen verloren." Diese stammten vor allem aus kircheneigenen Geschäften auf der Saray-Straße, die seit dem Unglück geschlossen sind.

Herausforderungen beim Wiederaufbau

Das wichtigste Ziel für die Kirchengemeinde ist die Rückkehr der Menschen, die einst den Kirchhof von St. Paul und den Saray-Bezirk füllten. Ein Großteil der Häuser im historischen Zentrum liegt noch in Trümmern, die meisten griechisch-orthodoxen Gemeindemitglieder in der Stadt mussten ihre Häuser verlassen und leben jetzt im Umland. Von ursprünglich 370 bis 400 Familien seien bisher lediglich etwa 90 zurückgekehrt, sagt Hürigil. "Das größte Bedürfnis der Gemeinde, um nach Antakya zurückkehren zu können, ist der Wiederaufbau ihrer Häuser und Geschäfte."

Angesichts der langen Dauer fürchten manche um die interkulturelle Harmonie, die Antakya bisher prägte. "Wir sind in der Saray-Straße aufgewachsen, jetzt gibt es sie nicht mehr", sagt der 59-jährige Dimitri Dogum, dessen Familie seit 400 Jahren in der Stadt lebt. "So viele Leute haben die Stadt schon verlassen, und es könnte weitere fünf Jahre dauern, bis Antakya sich erholt."

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