Immer mehr Biber: Eigenwillige, aber nützliche Baumeister | Weather.com
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Immer mehr Biber: Eigenwillige, aber nützliche Baumeister

Ein Biber sitzt im Wasser.
(Foto: Felix Heyder/dpa )

Man habe in Anklam alle möglichen Zugänge kontrolliert. Aber "der Biber", wie Jens Uhthoff sagt, lebt immer noch in der dortigen Kanalisation. "Ich habe keine Ahnung, wie er da reinkommt", sagt der Geschäftsführer des Wasser- und Bodenverbands (WBV) "Untere Peene".

Die Tiere hatten Anfang vergangenen Jahres für Aufsehen gesorgt, weil sie in einem mittelalterlichen Gang unter der Stadt immer wieder Dämme bauten. Die Statik des dortigen Landratsamtes schien durch zu viel Feuchtigkeit in den Mauerwerken gefährdet.

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Man habe schließlich die Straße aufreißen lassen und einen Zugang gebaut, um mögliche neue Bauten des Bibers zu unterbinden, erklärte Uhthoff. "Das funktioniert auch ganz erfolgreich."

Es handelt sich nur um einen der Konflikte, die die Wiederausbreitung der Tiere im Nordosten mit sich bringt. Dazu zählen auch überflutete Äcker, bedrohte Bahndämme oder Deiche.

Biberbestand deutlich gewachsen

Nach offiziellen Schätzungen ist der Biberbestand in Mecklenburg-Vorpommern in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. Neuesten Zahlen zufolge gehe man mittlerweile landesweit von rund 4500 Tieren aus, teilte das Schweriner Umweltministerium auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit.

Die Schätzungen basieren auf Erhebungen aus den Jahren 2019 bis 2022. Nach der vorhergehenden Erfassung von 2013 bis 2015 war man noch von etwa 2300 Tieren ausgegangen.

Laut Ministerium sind die Bestände in Gebieten mit einer flächendeckenden Besiedlung der Tiere seit einigen Jahren stabil oder leicht rückläufig. Dazu zählten etwa die Einzugsgebiete der Peene und der Warnow. In anderen Ausbreitungsgebieten etwa auf Rügen oder in Nordwestmecklenburg wachse der Bestand hingegen.

Lange galten Biber nach intensiver Bejagung als nahezu ausgestorben

Den Angaben zufolge werden alle sechs Jahre sogenannte Biber-Revierkartierungen vorgenommen, also im Winterhalbjahr Biberspuren wie Burgen, Baue oder Fraßspuren kartiert. Daten von den WBV, Ehrenamtlichen oder auch Mitarbeitern von Schutzgebieten kommen hinzu.

Lange galten Biber nach intensiver Bejagung als nahezu ausgestorben. Vor etwa 40 Jahren wurde laut Naturschutzbund Deutschland (Nabu) die Schutzbedürftigkeit der Tiere anerkannt. Die Aussiedelung einiger Tiere im Nordosten habe hier zur Wiederverbreitung geführt.

Die 27 WBV im Nordosten sind für die Unterhaltung kleinerer Fließgewässer und die Instandhaltung etwa von Deichen und Stauwerken zuständig sind. Sie kommen daher zumindest indirekt immer wieder mit den Tieren in Kontakt. Nach Uhthoffs Aussage ist sein Verband im Nordosten am stärksten betroffen.

Biberschäden verursachen hohe Kosten

Biberschäden hätten in seinem Verbandsgebiet im vergangenen Jahr Kosten von mehr als 165 000 Euro verursacht, sagte Geschäftsführer Jens Uhthoff.

"Das ist nur die Spitze des Eisberges - das, was unbedingt gemacht werden muss." Landesweit lägen die Kosten bei 600 000 Euro. "Tendenz steigend. Es gibt zwar immer noch zwei oder drei Wasser- und Bodenverbände, die noch überhaupt keinen Biber haben, aber ansonsten ist er eben flächendeckend in unserem Land angekommen", sagte Uhthoff.

Landesrechtlich geprüfte Biber-Beauftragte

Die meisten Verantwortlichen der WBV sind nach Aussage Uhthoffs nach entsprechenden Schulungen mittlerweile landesrechtlich geprüfte Biber-Beauftragte.

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Dadurch dürfen sie etwa Biberdämme abbauen oder sogar Tiere umsetzen - alles unter bestimmten Voraussetzungen - außerhalb von Schutzgebieten etwa und nicht in der Schonzeit. Umsetzen sei für seinen WBV keine Option, weil es keine freien Bereiche mehr gebe, sagt Uhthoff.

Unter Umständen darf man Biber sogar abschießen

Unter Umständen dürfe man Biber sogar abschießen. Dies werde nun etwa durch Land- und Forstwirte von den WBV eingefordert. Dennoch habe sein Verband noch keinen Biber getötet.

Vorher müsse man nämlich den zuständigen Jäger fragen, ob dieser das übernehme. Hier bestehe eine große Hürde. "Weil es nicht möglich ist, zeitnah den Jagdausübungsberechtigten zu ermitteln", erklärte Uhthoff. Die Zusammenarbeit mit der zuständigen Behörde sei kompliziert.

Wolfram Otto, Biber-Experte beim Nabu in MV, treiben ganz andere Sorgen um: Selbst in Schutzgebieten würden nur zwei von zehn Biberdämmen älter als zwei Jahre. Die restlichen würden vorher verbotenerweise abgerissen.

"Katastrophal für eine europäisch und national geschützte Art"

"Das ist natürlich katastrophal für eine europäisch und national geschützte Art." Er und andere Naturschützer arbeiteten eng mit der Kriminalpolizei zusammen, setzen beispielsweise Wildtierkameras ein. Man habe auch schon Täter überführen können.

"Die Dämme werden dann an der einen oder anderen Stelle nicht mehr weggerissen, aber auf einmal verschwinden Biber."

Katastrophal für den Wasserhaushalt

Für Otto sind diese Eingriffe aus ökologischer Sicht fatal. Die Dämme entfachten erst nach drei Jahre ihre eigentliche Wirkung. "Das heißt, dass die Biodiversität zunimmt."

Das Wegreißen und Beschädigen der Dämme sei zudem katastrophal für den Wasserhaushalt. Biber könnten seiner Aussage nach angesichts der Trockenheit der vergangenen Jahre eigentlich viel dazu beitragen, dass sich Grundwasservorkommen erholen. "Wir brauchen jeden Anstau im Moment, jeden."

Otto plädiert für weniger Drama im Umgang mit Bibern im Nordosten. Andernorts gelinge dies auch. Wenn es in Einzelfällen Probleme gebe, wegen beschädigter Bahndämme etwa, müssten diese gelöst, aber nicht die ganze Art verteufelt werden.

Der Biber ist eine Schlüsselart

Laut Nabu handelt es sich beim Biber um eine sogenannte Schlüsselart. Er könne einen Lebensraum gestalten und damit den Weg öffnen für andere Tierarten. Nach Bibermanier gestaltete Flüsse böten besten Hochwasserschutz. Mit Beratung und finanziellen Entschädigungen könne man Konflikten begegnen. Umsetzen von Tieren sei hingegen schwierig, weil dann schon das nächste Tier in den Startlöchern sitze.

Am kommenden Mittwoch wollen sich der zuständige Umwelt- und Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) in Anklam unter anderem mit WBV- und Behördenvertretern und Landräten treffen und auch über Biber sprechen.

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