Grün-Feucht-Kühl-Index 2026: Deutschlands Ökosysteme | Weather.com
Advertisement
Advertisement

"Jeder Baum zählt" – Deutschland verliert natürliche Klimaanlagen

Deutschlands Ökosysteme werden immer weniger leistungsfähig. Das zeigt der Grün-Feucht-Kühl-Index 2026. Welche Rolle Hecken, Wälder und Frischluftschneisen spielen.

14.07.2026, Berlin: Bei der Vorstellung vom Grün-Feucht-Kühl-Index 2026 (GFKI) im Gebiet "Eiskeller" im Norden Berlins wird eine Deutschlandkarte gezeigt, die Teil der Studie ist. Der Grün-Feucht-Kühl-Index zeigt auf Basis satellitengestützter Daten, wie eng Vegetationsgrün, Bodenfeuchte und Kühlung miteinander verbunden sind. (Christophe Gateau/dpa)
14.07.2026, Berlin: Bei der Vorstellung vom Grün-Feucht-Kühl-Index 2026 (GFKI) im Gebiet "Eiskeller" im Norden Berlins wird eine Deutschlandkarte gezeigt, die Teil der Studie ist. Der Grün-Feucht-Kühl-Index zeigt auf Basis satellitengestützter Daten, wie eng Vegetationsgrün, Bodenfeuchte und Kühlung miteinander verbunden sind.
(Christophe Gateau/dpa)

"Grün, feucht und kühl ist erst mal die beste Versicherung gegen heiß, trocken und braun", sagt Professor Pierre Ibisch, während er an einem Waldrand im Nordwesten Berlins an der Grenze zu Brandenburg steht. "Dieses heiß, trocken und braun bekommen wir potenziell mit der Klimakrise."

Ibisch ist Studienleiter am Econics Institute in Eberswalde, einer Denkfabrik für Ökosysteme. Gemeinsam mit dem Präsidenten des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu), Jörg-Andreas Krüger, stellt er den Grün-Feucht-Kühl-Index 2026 vor.

Der Index, kurz GFKI, bildet die Spätsommergrünheit, den Jahresniederschlag und die Oberflächentemperaturen an heißen Tagen in Deutschland innerhalb eines Fünfjahreszeitraums auf einer Karte ab – und die ist an vielen Stellen ziemlich rot.

Rot steht für sich erwärmende und austrocknende Agrarlandschaften, urbane, stark versiegelte Räume und eine Infrastruktur, die grüne Landschaften zurückdrängt und zerschneidet, wie etwa die Magdeburger Börde und große Teile Ostdeutschlands. Grüne Gebiete sind oft in Küstennähe zu finden, im Mittelgebirge und in den Alpen sowie größere Wälder, sie bieten wertvolle Lebensräume und sind vernetzt mit weiteren naturnahen Flächen.

Kühlung, Sauerstoffproduktion, Regenwasserrückhalt

Aus dem GFKI geht auch hervor, dass Deutschland die natürliche Schutzfunktion seiner Landschaften verliert. Bundesweit zeige sich ein abnehmender Trend der Leistungsfähigkeit der Ökosysteme. Für Berlin sehe man die Wälder an den Randgebieten – darüber hinaus aber nur wenige Einzelschneisen.

"Schon viele der kleineren Parks in Berlin verschwinden in ihrer Wirkung auf dieser Karte ziemlich, weil sie eben nicht groß genug sind und nicht vernetzt genug sind", sagt Krüger. Die Frage sei: "Wie kriegen wir zum Beispiel kühle Luft nachts aus den Waldgebieten über Kleingartenviertel, über vielleicht den einen oder anderen Grabenlauf oder Flusslauf in die Siedlungen hinein?" Wegen des Schneller-Bauen-Gesetzes seien bereits identifizierte Kaltluftschneisen nicht priorisiert worden.

14.07.2026, Berlin: Pierre Ibisch (l), Studienleiter und Vorstand des "Econics Institute" und Jörg-Andreas Krüger, Präsident vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) präsentieren den Grün-Feucht-Kühl-Index 2026 (GFKI) bei einer Pressekonferenz im Gebiet "Eiskeller" im Norden Berlins. Der Grün-Feucht-Kühl-Index zeigt auf Basis satellitengestützter Daten, wie eng Vegetationsgrün, Bodenfeuchte und Kühlung miteinander verbunden sind. (Christophe Gateau/dpa)
14.07.2026, Berlin: Pierre Ibisch (l), Studienleiter und Vorstand des "Econics Institute" und Jörg-Andreas Krüger, Präsident vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) präsentieren den Grün-Feucht-Kühl-Index 2026 (GFKI) bei einer Pressekonferenz im Gebiet "Eiskeller" im Norden Berlins. Der Grün-Feucht-Kühl-Index zeigt auf Basis satellitengestützter Daten, wie eng Vegetationsgrün, Bodenfeuchte und Kühlung miteinander verbunden sind.
(Christophe Gateau/dpa)
Advertisement

"Wir vergessen ja ganz oft, wie wahnsinnig viel wir von funktionierender Natur profitieren", sagt Nabu-Präsident Krüger. "Wir profitieren von Wäldern durch Kühlung, durch Sauerstoffproduktion, durch Regenwasserrückhalt, durch Grundwasserneubildung. Wir produzieren auf gesunden Böden Lebensmittel, wir profitieren von der Bestäuberleistung von Insekten."

In der Klimakrise werde deutlich, sagt Ibisch, "dass es nicht nur um schöne Natur geht, sondern tatsächlich um Ökosysteme, die für uns was leisten". Diese Ökosysteme sollten wir so behandeln, dass sie als natürliche Infrastruktur funktionieren können, sagt Ibisch. "Natürliche Infrastruktur im Sinne von Klimaanlage in der Landschaft." Mehr Grün heiße mehr Feuchtigkeit und mehr Kühle.

"Jeder Baum zählt"

Klar sei, dass Städte grüner werden müssen, sagt Ibisch. Damit meint er aber nicht Fassadenbegrünung oder Kübelpflanzen. Brachflächen müssten in Wildnis umgewandelt werden, Parks und Grünschneisen seien relevant. "Jeder Baum zählt." Frischluftschneisen, über die schon lange gesprochen werde, bekämen eine neue Bedeutung in der Klimakrise.

Die schlimmsten Gebiete seien Industrieflächen und Verkehrsflächen, hier seien etwa Gründächer wichtig, und "minimale Räume, die irgendwie Ökosysteme vorhalten", sagt Ibisch.

14.07.2026, Berlin: Die Sonne scheint in einem Wald im Gebiet "Eiskeller" im Norden Berlins. Der Grün-Feucht-Kühl-Index (GFKI) zeigt auf Basis satellitengestützter Daten, wie eng Vegetationsgrün, Bodenfeuchte und Kühlung miteinander verbunden sind. (Christophe Gateau/dpa)
14.07.2026, Berlin: Die Sonne scheint in einem Wald im Gebiet "Eiskeller" im Norden Berlins. Der Grün-Feucht-Kühl-Index (GFKI) zeigt auf Basis satellitengestützter Daten, wie eng Vegetationsgrün, Bodenfeuchte und Kühlung miteinander verbunden sind.
(Christophe Gateau/dpa)

Kritisch sind auch Agrarlandschaften, sagt Ibisch: Gebiete, in denen jegliche andere Vegetation weggeräumt wurde, um alles für die Landwirtschaft zu nutzen. Sie erhitzen sich stark. Auch hier spielen Hecken als Schattenspender und zum Abbremsen von Windgeschwindigkeiten eine wichtige Rolle, was sich wiederum günstig auf die Verdunstung auswirke. Außerdem seien Zwischenfrüchte auf Ackerflächen essenziell. "Wie kann es sein, dass wir immer noch ganz viele Ackerflächen haben, die nach der Ernte im Hochsommer nicht zwischenbegrünt werden?", fragt Krüger.

Im offenen Land müsse es mehr Biomasse geben, Hecken, Gehölze, grüne Korridore und breite Waldsäume. Wälder, insbesondere alte Laubwälder, sollten als Klimaanlagen und Wasserhaushälter betrachtet werden.

Die natürliche Infrastruktur sorgt für Produktivität

Der Waldrand in Berlin-Spandau zum Vorstellen des GFKI ist bewusst gewählt: Er heißt Eiskeller, weil er als der kälteste Ort Berlins gilt und beispielhaft zeigt, was Natur leisten kann. Es sei sicher ein Hauptproblem unserer Landschaft, dass man glaubt, man hat keinen Platz für Natur, meint Ibisch. "Aber es ist halt die natürliche Infrastruktur, die am Ende auch dafür sorgt, dass die Produktivität von solchen Weiden, Wiesen und Ackerflächen erhalten bleibt."

Advertisement