Gefährliche Leidenschaft: „Ein Vollblutchaser jagt bis zum letzten Blitz“ | The Weather Channel
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Gefährliche Leidenschaft: „Ein Vollblutchaser jagt bis zum letzten Blitz“

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Die Great Plains in den USA sind das Mekka der Stormchaserszene, weil sich hier die stärksten Superzellen ausbilden.
(Marius Block)

 

Während der Anblick einer Superzelle, die Hagel, Starkregen und gar Tornados entsendet, bei den meisten Menschen den Fluchtinstinkt auslöst, weckt er bei anderen eine gefährliche Leidenschaft. Zu jenen gehört auch Michael Sachweh, der in München einen privaten Wetterdienst betreibt. Seit fast 20 Jahren jagt der Meteorologe leidenschaftlich Unwetter und das nicht nur aus beruflichem Interesse.

Seit 2008 pilgert er jedes Frühjahr in die Great Plains, dem Mekka der Stormchaser. Nirgendwo sonst lassen sich so heftige Gewitterzellen beobachten. „Weil die Luft dort viel mehr Energie hat, als in Europa, fallen die Gewitter dort auch viel heftiger aus“, sagt Sachweh im Gespräch mit dem Weather Channel.

Jährliche Pilgerfahrt ins Mekka der Gewittersüchtigen

Die legendäre Zerstörungswut dieser Superzellen hat der Region östlich der Rocky Mountains den Namen Tornado-Alley eingebracht. Von Montana und North Dakota über Oklahoma bis nach Texas erstreckt sich das Jagdgebiet der Gewittersüchtigen.

Nicht nur die riesigen Gewitterzellen machen die Region zum beliebten Jagdgebiet. Das weite, ebene Land ohne Wälder und das schachbrettartige Straßennetz sind für Stormchaser von Vorteil. „Man sieht die Gewitter schon aus weiter Entfernung und kann gut auf sie zufahren“, sagt Sachweh.

"Gewitter bilden sich immer zur Rush Hour"

Ganz anders sei das in Europa, wo vielerorts Berge und Wälder sowie die höhere Besiedelungsdichte und das Verkehrsaufkommen zum Problem werden. „Gewitter bilden sich meist am Nachmittag zur Rush Hour aus“. Hierzulande sei es schwieriger, rechtzeitig anzukommen, wohingegen man in den USA trotz einer Geschwindigkeitsbegrenzung von 130 km/h, das Gewitter noch rechtzeitig erwischen könne. Und nur darum geht es: Pünktlich den Ort des Geschehens zu erreichen und ein Bild davon zu machen. „Gewitterwolken sind in den ersten ein bis zwei Stunden am schönsten.“

Wetterlexikon: Gewitter - der Himmel schickt Blitz und Donner

Wenn Michael Sachweh auf seiner Reise  gemeinsam mit seinem Mitchaser Marius Block Unwetter erkundet, nimmt das Wort Sightseeing eine andere Dimension an. „Wir stehen um acht Uhr morgens auf und analysieren beim Frühstück die Wetterlage und legen daraufhin die Route zur sogenannten Target Area fest - der Region, wo die größte Unwetterwahrscheinlichkeit herrscht. Danach geht es los. Während der Fahrt helfen uns Satelliten- und Radarbilder, auf Kurs zu bleiben.

8000 Meilen in 19 Tagen zurückgelegt

Eine Tagesfahrt kann sich über mehrere Bundesstaaten und Hunderte Kilometer erstrecken. „Wir haben dieses Jahr innerhalb von 19 Tagen etwa 8000 Meilen zurückgelegt“, sagt Sachweh. Das entspreche der Luftlinie zwischen München und Darwin in Australien.

Erst am Abend oder tief in der Nacht, wenn die Unwetter Ruhe geben, geht die Suche nach einer Unterkunft los. „Ein Vollblutchaser jagt eben bis zum letzten Blitz“, sagt Sachweh. Getrieben vom Kick, Unwetter zur richtigen Zeit zu erwischen und so zu beweisen, dass man den richtigen Riecher habe, treibe ihn bei der Jagd an.

Auf Kollisionskurs mit einem versteckten Tornado

Angst verspürt er manchmal, und zwar dann, wenn er knapp einer Katastrophe entkommt. In manchen Superzellen bilden sich innerhalb eines Niederschlagsgebiets Tornados aus, die besonders gefährlich sind, weil sie vom Regen verdeckt werden und deshalb mit bloßem Auge nicht erkennbar sind. Vor zwei Jahren ist er fast auf Kollisionskurs mit einem solchen Tornado geraten, der von Regen umwickelt war (ein "rain-wrapped" Tornado). „Wir sind damals durch ein aktuelles Radarbild noch rechtzeitig gewarnt worden“, erinnert sich Sachweh.

Tornados: So entstehen die gewaltigen Windsysteme

Es sind nicht die tödlichen Naturgewalten, die Gewitterjäger erschrecken, vielmehr flüchten sie vor einem alltäglicheren Wetterphänomen. „Stormchaser fürchten Hagel mehr als Tornados“, sagt Sachweh. Denn Hagel könne das für das Chasen unverzichtbare Auto und das Equipment beschädigen. Gefährlich sind deshalb auch Situationen, wenn sich von der einen Seite der Tornado nähert und der Fluchtweg durch Großhagel versperrt wird (Bear’s Cage, Bärenkäfig).

"Stormchaser sterben eher durch Autounfälle als durch Unwetter"

In der Regel versuchen Stormchaser das Risiko zu minimieren, indem sie die Unwetter aus einer sicheren Distanz beobachten und notfalls rechtzeitig Unterschlupf suchen können. Dennoch verlieren hin und wieder selbst die Erfahrenen ihr Leben bei der Jagd. „Stormchaser sterben eher aufgrund von Autounfällen als durch Unwetter“, sagt Sachweh. Es sei die Kombination aus schnellem und unkonzentriertem Fahren, die zu tragischen Todesfällen führen, wie etwa im Jahr 2017, als drei Stormchaser in Texas bei einem Zusammenstoß starben.

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Auf der Suche nach der perfekten Location achte man so sehr auf die Gewitter, dass man auch schon mal giftige Tiere übersehe. Sachweh erinnert sich, wie er einmal fast auf eine Klapperschlange getreten wäre. Doch so gefährliche Momente verdränge man wieder. Zu groß sei der Kick – und auch die Belohnung  - die man durch das Chasen erfahre.

Und dann das ... Zwillingstornado baut sich auf

„In den elf Jahren, in denen ich in den Great Plains chase, habe ich nur in drei Jahren Tornados erlebt“, sagt Sachweh. Das ist normal für einen europäischen Stormchaser, der für die Great Plains - Reise meist nicht mehr als drei Wochen Zeit hat. Doch dieses Jahr kamen ihm gleich Zwillingstornados vor die Linse. In der Nähe des Ortes Seibert im äußersten Osten Colorados konnten Sachweh und sein Mitchaser Marius Block das seltene Phänomen erleben.

Bei Zwillingstornados konzentrieren sich tornadofördernde Luftströmungen, nicht wie bei einem üblichen Tornado an einem Punkt, sondern entlang einer Linie, erklärt Sachweh. Dadurch könnten sogar drei Tornados entlang dieser Luftlinie „zünden“. „Wir waren höchst aufgeregt und wussten nicht, ob wir stehen bleiben und filmen sollten, oder möglichst schnell darauf zuzufahren.“

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Buchtipp

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Stormchasing: Auf der Jagd nach Gewittern, Stürmen und Tornados

Autor: Michael Sachweh

160 Seiten

Erschienen im Verlag Delius Klasing, 12. September 2016

In englischer und deutscher Sprache

ISBN-13: 978-3667106629

Hier geht's zum Buch

 

 

 

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