Der kälteste Ort Deutschlands mit einem ungelösten Rätsel | Weather.com
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Funtensee: Der kälteste Ort Deutschlands mit einem ungelösten Rätsel

Die tiefen Temperaturen, die Deutschland im Griff halten, sind nichts gegen die beißende Kälte am Funtensee in den bayerischen Bergen. Warum der Ort so besonders ist - und welches Rätsel er aufgibt.

HANDOUT - 01.03.2019, Bayern, Berchtesgaden: Dieses vom Nationalpark Berchtesgaden zur Verfügung gestellte Foto zeigt den verschneiten Funtensee in den Berchtesgadener Alpen. Der Funtensee ist als Kälteloch bekannt. (Aufnahme vom März 2019, zu dpa "Der Funtensee - das Kälteloch Deutschlands") Foto: Josef Egger/Nationalpark Berchtesgaden/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der aktuellen Berichterstattung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++
Dieses vom Nationalpark Berchtesgaden zur Verfügung gestellte Foto zeigt den verschneiten Funtensee in den Berchtesgadener Alpen. Der Funtensee ist als Kälteloch bekannt.
(Josef Egger/Nationalpark Berchtesgaden/dpa)

Kalt, kälter, Funtensee: Der kleine Bergsee in den Berchtesgadener Alpen ist nicht nur ein idyllisches Naturjuwel, sondern auch Schauplatz eines beeindruckenden Wetterphänomens. Mit der tiefsten jemals in Deutschland gemessenen Temperatur hat der Funtensee Geschichte geschrieben. Doch die extreme Kälte ist nicht das einzige Geheimnis, das dort verborgen ist.

Rekordtemperaturen am Funtensee

Am 24. Dezember 2001 wurde am Funtensee ein historischer Tiefstwert gemessen: Eine private Wetterstation registrierte minus 45,9 Grad Celsius, während die Messstation des Deutschen Wetterdienstes (DWD) auf der gegenüberliegenden Seite des Sees minus 44,0 Grad verzeichnete. Laut DWD-Experte Tobias Reinartz sind solche Abweichungen bei extremen Bedingungen normal und durch minimale geografische Unterschiede erklärbar. Bereits ein Jahr zuvor, am 25. Januar 2000, hatte der DWD mit minus 45,8 Grad einen nahezu identischen Wert gemessen.

Geografische Besonderheiten

Bayern, Funtensee: Der auf 1630 Metern Höhe gelegene Funtensee in den Berchtesgadener Alpen mit dem Funtenseehaus (Kärlinger-Haus) im Hintergrund. Foto: Jürgen Waßmuth/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Im nur wenige Meter höher gelegenen Kärlingerhaus kann es bereits bis zu 20 Grad wärmer sein als am Funtensee selbst.
(Jürgen Waßmuth/dpa)

Die außergewöhnliche Kälte am Funtensee ist eng mit seiner Lage verbunden. Der See liegt auf etwa 1600 Metern Höhe und ist von bis zu 2000 Meter hohen Bergen umgeben. Zudem versickert das Wasser des Sees unterirdisch, wodurch eine natürliche Schwelle entsteht, die den See wie ein Suppenteller umgibt. Diese geologische Formation begünstigt die Ansammlung kalter Luft. Hinzu kommt die Abschattung durch einen südlich gelegenen Berg, der im Winter nur wenige Stunden Sonnenlicht zulässt.

Die Zutaten für extreme Kälte

Meteorologe Reinartz erklärt, dass drei Hauptfaktoren für die extremen Temperaturen verantwortlich sind: Schnee, Windstille und wolkenloser Himmel. In der Nacht fließt kalte Luft von den umliegenden Bergen hinunter zum See und sammelt sich dort in der Senke. Ohne Wind bleibt die kalte Luft gefangen, während der wolkenlose Himmel die Wärmeabstrahlung ins Weltall ermöglicht. Liegt zusätzlich Schnee auf dem gefrorenen See, wird die Bodenwärme blockiert, was die Kälte weiter verstärkt.

Das Rätsel der doppelten Baumgrenze

Eine auffällige Besonderheit des Funtensees ist die doppelte Baumgrenze. Während in den Bergen normalerweise die Vegetation mit zunehmender Höhe abnimmt, fehlen direkt am See jegliche Bäume. Erst weiter oben wachsen wieder niedrige Sträucher und schließlich Bäume wie Lärchen und Zirben. Die Ursache dafür ist umstritten: Einige Wissenschaftler führen dies auf die extreme Kälte zurück, die das Wachstum von Pflanzen behindert. Andere sehen den jahrhundertelangen Einfluss der Almwirtschaft als Grund, da Bauern bis 1964 ihre Tiere in die Region trieben und dabei Bäume rodeten und Jungpflanzen zerstörten.

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Ranger Josef Egger hat eine eigene Theorie: „Ich bin schon der Überzeugung, dass nicht die Bauern dort den Wald gerodet haben, sondern dass die die Alm dort gemacht haben, weil in dem Kaltluftsee kein Wald war.“ Eine endgültige Klärung dieses Rätsels scheint jedoch schwierig.

Der Funtensee – offiziell kein kältester Ort

Trotz seines Rekordwerts wird der Funtensee vom Deutschen Wetterdienst nicht als kältester Ort Deutschlands geführt. „Die Lage ist so exponiert und null repräsentativ für Deutschland an sich“, erklärt Reinartz. Es könnten sogar noch kältere Orte existieren, insbesondere in Höhentälern und Senken der Alpen. Der Rekordhalter des DWD ist stattdessen Wolznach-Hüll/Ilm in Niederbayern mit minus 37,8 Grad am 12. Februar 1929.

Faszination extremer Kälte

Temperaturen unter minus 30 Grad sind selbst für Meteorologen wie Reinartz außergewöhnlich: „Es kommt schon alle paar Jahre mal vor, dass es extrem kalt wird, Temperaturen unter minus 20 Grad hatten wir in den letzten Jahren schon auch hin und wieder. Aber unter minus dreißig ist schon sehr, sehr, sehr selten!“

Der Funtensee bleibt ein faszinierendes Naturphänomen – ein Ort voller Extreme und Geheimnisse, der Wissenschaftler und Naturfreunde gleichermaßen begeistert.

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